Nun hat es mich also doch erwischt. Nachdem ich mich gut zwei Jahre lang erfolgreich drücken konnte, folgt hier mein erster Spielbericht. Genauer gesagt, sind es sogar zwei. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, haben wir auch noch beide Wettkämpfe verloren. Leute, Leute, der Spaßfaktor hält sich in Grenzen. Aber was soll's, Stein ist kein Holz.
Das Spiel gegen unsere Fahrstuhlfreunde aus dem schönen Karl-Marx-Stadt wurde von Flash im Vorfeld gebetsmühlenartig als richtungsweisend ausgegeben, sprich: entweder Aufstiegs- oder Abstiegskampf. Dementsprechend nahm der Mannschaftsleiter seine Kämpen vor dem Aufeinandertreffen beiseite und schwor sie in gewohnt feuriger und absolut unnachahmlicher Weise auf einen heißen Kampf ein. Zugegebenermaßen kann der Schreiberling über diese Ansprache nur vom Hörensagen Bericht erstatten, da er sich, von unzähligen Zuschauern und Autogrammjägern in der Jugendherberge aufgehalten, leicht verspätete.
Der Beginn des Wettkampfs verlief in gewohnter Weise, insbesondere was die Weißpartien anbetraf. Windel und der Berichterstatter hatten sich, getreu der Devise, wenn wir schon nicht gewinnen, von wem sollen die Punkte sonst kommen?, ein heißes Rennen darum geliefert, wer als erster g4 zieht, wobei der Punkt knapp an mich (oder vielleicht lieber an Effi für seine Donnerstag-Abend Vorbereitung) ging. Robert hatte ebenfalls in der für ihn typischen Art und Weise spekulativ eine Figur ins Geschäft gesteckt, und einzig Willi an Brett 8 fiel etwas aus dem Rahmen. Nein, nein, liebe Freunde, keine Angst: es ist nicht so, dass Frank mit grimmiger Miene 1.e4 aufs Brett knallte, aber, und dies ist bemerkenswert, er brauchte für die Züge, die er immer spielt, weniger Zeit als sonst.
Gleiches gelang Johannes leider nicht, so dass nach gut zwölf Zügen bereits wieder die übliche Zeitnot drohte. Ansonsten gab es aber auch bei den Schwarzpartien nur Grund zum Optimismus. Flash hatte gegen Feige am Spitzenbrett mehr oder weniger ausgeglichen, Flo einen gut zu spielenden Königsinder auf dem Brett, und Rafaifi aka Vilen, das hatte die Erfahrung der ersten Wettkämpfe gezeigt, würde ja sowieso gewinnen. Fazit: Nach etwa zwei Stunden glaubten selbst die eingefleischtesten Pessimisten nicht daran, dass wir in diesem Wettkampf weniger als fünfeinhalb Punkte holen würden. Naja, aber dann...
Im Nachhinein kann man wohl sagen, dass der Wettkampf an den mittleren Weißbrettern kippte. Windel hatte in der Eröffnung ein Zugpaar ausgelassen, das nicht ganz unwichtig war, hatte dann heroisch zweimal Remis abgelehnt und schließlich seinen Springer auf Abwege an den Brettrand geschickt, von wo er der Exekution des eigenen Königs hilflos zusehen musste. (Hierzu fällt mir ein bekanntes schachpädagogisches Sprichwort ein, was ich allerdings aufgrund seiner Phrasenlastigkeit an dieser Stelle nicht angeben möchte.) Der Schreiberling selbst hatte nach gut fünfzehn Zügen in seiner Partie die Gewonnen-Stufe 7 erreicht, wobei die Skala von 1 (leicht gewonnen) bis 10 (Matt) reicht. Wie es nun aber in letzter Zeit so ist, gelang es ihm, mit einigen mittelmäßigen, mehreren schlechten und ganz vielen katastrophalen Zügen die Stellung dermaßen zu verhunzen, dass auch dieser Punkt ins Sachsenland ging.
Der Rest ist dann schnell erzählt, denn diese zwei Punkte hätten wir natürlich gut gebrauchen können (Wie gesagt: wenn wir schon nicht gewinnen...) Flash holte sich den halben Punkt, genauso wie Robert an Brett 2, nachdem er seine Figur zurückgewonnen hatte. Johannes ging erwartungsgemäß in Zeitnot baden, während Willi sich irgendeinen dummen Einsteller leistete und auch verlor. Flo bot oder nahm in besserer Stellung Remis an, und Rafaifi sicherte sich seine reine Weste mit der Woini-siebtes-Brett-Gedächtnis-Taktik: Hinstellen und abwarten, bis sich die Jungs und Mädels selbst umbringen. So setzte es schlussendlich also eine 2,5:5,5 Klatsche, und wir befanden uns wieder mitten im Abstiegskampf.
Den galt es zwei Wochen später gegen den direkten Kontrahenten aus Hoyerswerda fortzusetzen. Zu diesem Zwecke hatte die Mannschaftsleitung weder Kosten noch Mühen gescheut, um das Team optimal auf dieses schicksalsträchtige Spiel vorzubereiten. Nach den Erfahrungen des Vorjahres wollten wir diesmal nicht erst vereinzelt Sonntag früh aufschlagen, sondern uns bereits Samstag Abend geschlossen in Dresden einfinden. Zudem wurden einige vortreffliche Übernachtungsmöglichkeiten ausfindig gemacht, deren logistische Lage (nahe der Neustadt) das herausragende Kriterium war. Als Team bildende (oder schreibt man das zusammen?) Maßnahme war nämlich ein gemeinsamer Kneipenbummel in hiesigem Areal vorgesehen, sozusagen als einleitende Maßnahme für die erwartende Mannschaftsansprache vor Partiebeginn.
Als er hörte, dass es durch die Dresdner Neustadt ging, war auch Woini wieder dabei, so dass wir die sächsische Metropole in Bestbesetzung erstürmten. Weit kamen wir freilich nicht, denn im Bemühen, Einlass in Katy's Garage zu erhalten, türmten sich unvorhergesehene Hindernisse auf. Hindernis Nr. 1: Einlass erst ab 18 Jahren, und wie ja alle wissen, die Rafaifi kennen (oder besser gesagt: nur die), ist Rafaifi erst fünfzehn. Doch glücklicherweise konnte ihn Johannes mit seinem Personalausweis versorgen, da er selber noch einen Führerschein bei sich hatte. (Ja, ich gebe es zu, in unserem bereits leicht alkoholisierten Zustand schätzten wir die Auffassungskapazität der ortsansässigen Türsteherriege als eher gering ein...) Hindernis Nr. 2 trat auf, als der Schreiberling und dessen gleichaltriger Kumpel Knauffer, gleichzeitig einer der Wohnungssteller, ohne Personalausweis um Eintritt baten. Eine Bitte, die in mehr oder weniger entschiedenem Ton abschlägig beschieden wurde, wonach das Projekt Kathy's Garage kurzzeitig vor dem Aus stand. Glücklicherweise haben aber auch Türsteher irgendwo ein Herz, und nachdem die Schachfreunde Windelband und Offinger (hierfür nochmal mein ausdrücklicher Dank) für uns beide die Bürgschaft übernahmen, durften wir doch die himmlische Pforte passieren.
Dicht gefolgt von Rafaifi, der auf die Frage des Türstehers, ob er denn einen Ausweis dabei habe, ebenso korrekt wie kurz angebunden antwortete: “Ja.” Damit war die Sache natürlich nicht erledigt, und er musste Johannes' Ausweis aus der Brusttasche hervorkramen, was ihm in überaus weltmännischer Manier gelang. Der Türsteher beugte sich über das Dokument, auf dem Johannes' (tatsächlich) fünfzehnjähriges Konterfei abgebildet war, das allem möglichem, aber gewiss nicht Rafaifi ähnlich sah. Jetzt platzt gleich die Bombe, dachte wohl jeder in den fünfzehn Sekunden, die der Türsteher auf den Ausweis stierte. Was auch immer ihm aber in dieser Zeit durchs Großhirn gerattert war, ans Sprechorgan kam nur ein: “Ok, viel Spaß”, an, wonach die Party beginnen konnte.
Naja, wer weiß wie der Wettkampf verlaufen wäre, wenn der Abend an dieser Stelle eine andere Wendung genommen hätte. So freilich hieß es bis um zwei Wein, Weib und Gesang (ähem.. also leider nur zwei davon), und Knauffer hatte sich seine mit Schachfreund Böhm von Hoyerswerda ausgehandelte Abfüllprämie redlich verdient.
Zum Wettkampf selber lässt sich nicht viel sagen (zumindest nicht viel Positives). Bezeichnend, dass unsere Jugendbrigade Brüggemann, Paul und Rafaifi ihre Punkte geschlossen wegstellte. Oh Deutschland, wie ist es nur um deine Zukunft bestellt, wenn schon eine durchzechte Nacht ausreicht, dass die Jugend nicht mehr klar denken kann! Vorbei die Zeiten, da noch talentbehaftete Teenager sich direkt aus dem Flowerpower kommend ans Brett setzen konnten und ihre Leistung brachten!
Dass es auch anders geht, bewies Sportkamerad Zeuner, dessen Siebte-Brett-Taktik anscheinend auch bei den 2300ern an Brett 2 zu fruchten scheint. Zumindest gelang es seinem mit zwei Mehrbauern spielenden Kontrahenten, die eigenen Figuren zu einem dermaßen unglücklichen Knäuel um den eigenen König aufzubauen, dass sie Letzteren nicht nur nicht schützten, sondern auch der Reihe nach abgepflückt werden konnten. Der einzige Lichtblick an diesem Tage.
Ein anderer Lichtblick hätte Windels Partie sein können, aber anstatt sich mit einem elementaren Gewinn zu begnügen, fühlte er sich zu Größerem berufen und ließ ein Damenopfer vom Stapel. Dieser leichtfertige Umgang mit dem schönen Geschlecht rächte sich natürlich, da die Kombination (wie anscheinend immer, wenn man als “Normalsterblicher” eine “Unsterbliche” spielen will) ein Loch aufwies. Dieses Loch bestand in einem unscheinbaren Bauernzug, der dem scheinbar totgeweihten schwarzen König das Entkommen sicherte. Schön auch, dass Windels Kontrahent diese Widerlegung gar nicht selbst finden musste, da sich seine am Brett gruppierten Mannschaftskollegen die Zugfolge so laut zuflüsterten, dass man nicht unbedingt Spock heißen musste, um sie zu verstehen. Auch eine Form von Teamgeist...
Am Ende blieben neben Woinis Sieg nur zwei weitere halbe Pünktchen, die vom Berichterstatter und Flash (in einem zähen, seit der Eröffnung andauernden Verteidigungskampf errungen) beigetragen wurden. Also eine weitere Klatsche, diesmal 2:6, aber wir wollen ja nicht jammern. Denn wie heißt es so schön an anderer Stelle: Die Verlierer reden davon, ihr Bestes gegeben zu haben, aber der Gewinner geht nach Hause und vögelt die Ballkönigin.
In diesem Sinne ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!