AEMAEM Mannschaftsberichte - Saison 2006/07 (2/3)

All der morsche Tand dieser Erde

Die alten Geschichten halten viele Wunderdinge bereit:
Von lobgepriesenen Helden, von großem Schneid,
von Feiern und Singen, von Weinen und Klagen,
von kühner Kämpfer Ringen wollen wir Euch zutragen.
[Alle Quellen zu den Zitaten sind dieses Mal zum selber Raten ;-)]

Vorbemerkung

Erzähle mir, Muse, die Taten der vielgewanderten Truppe,
welche so weit geirrt, nach dem Aufstieg in die heilige Oberliga,
vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt haben,
Und auf dem Brette so viel' unnennbare Leiden erduldet.

Wie üblich ist nach weniger erfolgreichen Wochenenden erst recht keiner bereit, zu künden von den Taten. So hat sich der Berichterstatter geopfert, um die Tradition zu erhalten. Seine Aufrufe nach Hilfe verhallten allerdings weitgehend[1] ungehört, nachdem er seine Bereitschaft bekundete, die Aufgabe des Schreibers zu übernehmen. Und auch auf andere Ratgeber ist kein Verlass, so dass die Zeit drängt, soll noch vor dem nächsten Spiel berichtet werden. Denn wie sagte ehedem ein Philosoph:

Manches tut man nicht zur Zeit,
aber die Feldbestellung muss stets zur Zeit geschehen.

In diesem Sinne beginne ich:

Donnerstag

Ich glaube an das Pferd.
Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.

Manchmal glaube ich selbst, dass ich einen Riecher habe, was für den Wettkampf am Wochenende wichtig ist. Wir haben uns nämlich ausführlich mit Karsten Müllers Endgame Corner Ausgabe Nr. 68 (hier das Archiv) bei Chesscafe.com beschäftigt, bei der es um den alleinigen Kampf des Springers gegen Freibauer(n) geht. Wir haben sogar eine schöne Verbesserung zu Karsten Müllers Lösung gefunden. Diese habe ich ihm anschließend noch gemailt und am nächsten Tag in der Früh hatte ich schon des GMs dankende Antwort mit dem Zugeständnis, dass wir tatsächlich sein schönes Dreiecksmanöver überflüssig gemacht haben. Na, dann mal viel Spaß mit der dortigen ersten Stellung...

Samstag

Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen wird eine Million nicht überschreiten -
alleine schon aus Mangel an verfügbaren Chauffeuren.

Dieser Spruch Gottlieb Daimlers wird bei uns zu jedem Auswärtsspiel wieder bestätigt: Es ist tatsächlich sehr schwer, Chauffeure zu finden. Zu diesem Spieltag hatten sich wie fast immer der Doc und dieses Mal Flash geopfert. In Anbetracht der zügigeren Fahrweise des Mediziners hat Flash am Treffpunkt beschlossen, pünktlich loszufahren und nicht zu warten. Nachdem wir jedoch versuchten, alles wieder so wie beim Landesmeistertitel im Mannschaftsblitz zu machen, hat Flash wie Michael Spandel kurz vor dem Ziel eine kleine Umfahrung eingebaut - allerdings wurde eine etwas andere Umfahrung gewählt. Da der Doc von diesen Feinheiten nichts wusste und zusätzlich ein debattierbarer Geschwindigkeitsunterschied hinzukam, erreichte er natürlich viel früher die Spielstätte der SG 1871 Löberitz, die Gaststätte "Zum Reiter".

Kommen wir zu den Partien: An Brett 1 (Holly mit Weiß gegen Effi) passierte wie so oft nicht viel. Irgendwann war es remis. An Brett 2 kam es wie erwartet zu Wolga-Gambit - irgendwie wusste Flash, dass es nicht Sämisch werden würde. Flashs Stellung war mindestens okay. Irgendwann sah ich allerdings nach links, weder Flash noch Dana waren zu sehen und die Figuren waren aufgebaut! Es sollte sich herausstellen, dass Flash in nicht 'so toller' Stellung (nur leichter Vorteil) nach eigener Aussage gepatzt hatte. Der Wettkampfverlauf an Brett 3 war ebenfalls nicht nach Plan. Brain hat durch 1.d4 erstmal Nudels Vorbereitung hintertrieben und trotz Königsindisch langweiliges Schach aufs Brett und ein Remis bekommen. Na gut, er hatte eine Erkältung als Ausrede, als billige Ausrede wohlgemerkt - siehe Pokal weiter unten. Vielleicht zitiere ich am besten Nudels Selbsteinschätzung:

Meine erste Partie war vor allem: Blindflug! Brain, der sich anscheinend auf mich vorbereitet hatte, schaffte es als erster unerwartete Züge zu spielen: 1. d4 und ich nahm erstmal eine Toilettenauszeit. Nach jener retournierte ich mit 1...Sf6, traute mich dann aber auch die Zweiteröffnung nicht und landete in irgendeinem Königsinder, bei dem Brain fälschlicherweise den E-Bauern anstelle des D-Bauern vorschob. Daher waren auch die restlichen sich im Kopfe befindlichen Schemata dahin und es begann ein Nahkampf, der nur durch gelegentliche Besuche der reizenden Bedienung unterbrochen wurde, da Brain seine Krankheit mit 5 Tees einzudämmen versuchte. Nachdem Brain seinen geopferten Bauern zurückgewann, bot ich Remis, was ein Null zu Acht (war noch möglich) verhinderte.

Normi an Brett 3 zeigte sich hingegen schachlich einen Tick besser vorbereitet als ich, selbst wenn er in der Wahl seiner Garderobe genauso unvorbereitet war wie ich und daher ziemlich fror. Ich hatte (für Schach) nur ca. 30 Minuten Vorbereitungszeit und habe versucht, im Tromp Normi mit einer etwas anderen Variante zu überraschen, aber er kannte aus einem Buch, das ich aufgrund fehlender Zeit nicht mehr zu Rate ziehen konnte, einen guten Zug und ich war so schon im 10.Zug zu eigenständigem Denken gezwungen. Aufgrund meiner schlechten Vorbereitung habe ich etwas zu viel Zeit verbraten und bin daher mit wenig Zeit um den 20.Zug herum etwas auf die schiefe Bahn geraten. Meine Mannschaftskollegen haben - wie ich nachher erfahren habe - nicht mehr viel auf meine Stellung gegeben, ich hingegen war eigentlich guter Dinge, noch ein Remis zu erreichen. Die interessante Partie kann mit Kommentaren von Normi und meiner Dilettanz in der Partienauswahl zur Oberliga nachgespielt werden. Von den restlichen Partien habe ich nicht viel mitbekommen, da ich ja ca. 60 Züge selbst aufs Heftigste beschäftigt war. Doc hatte irgendwie keine Revanche gegen Harald Matthey geschafft und Susi hatte nach zwischendurch guter, dann interessanter Stellung am Ende doch die Partie abgegeben. Da die Niederlage feststand, haben Flori und Pavel eventuelle Gewinnversuche abgebrochen, um Kraft zu sparen und so ging der Mannschaftskampf verdient verloren, selbst wenn das Ergebnis knapper hätte ausfallen können.

Wir haben den anschließenden Abend nicht mit Wundenlecken verbracht, sondern uns erstmal ernährungstechnisch gestärkt - gut hat es geschmeckt! - und versuchten hernach, die verbliebenen Mitspieler in anderen Spielen zu schlagen. Nudel nahm Dana mit Anhang und Jay-Jay in irgendeinem Gesellschaftsspiel mit Magier- und Diebeskarten[2] aufs Korn, das er Ihnen erst auf Russisch erklärte, bevor er die drei abzog. Er hat dabei noch Lettisch gelernt: Tris Zudrops = Drei Silber oder so ähnlich. Susi packte Ihr Sudoku-Büchlein aus und wurde von Flash zum Match aufgefordert. Anfangs hatte Flash die Angelegenheit sicher im Griff, auch die Variante des Quadrat-Tauschens führte genausowenig zum Ziel wie der Trick mit dem Nachsehen durch den Schiedsrichter in der Lösung, falls man falsch aufgefüllt hat. Und selbst der grässliche reflektierende Rotstift - der später zum Glück ausgetauscht wurde - konnte nichts an der Überlegenheit ändern. Irgendwann drehte sich das Blatt und Flash war ab da chancenlos. Ich habe dann für Flash übernommen und war noch viel chancenloser, muss allerdings zugeben, dass das meine ersten Sudoku-Rätsel waren, die ich ausgefüllt habe, vorher habe ich mich nur mit theoretischen Fragestellungen eines Mathematikers beschäftigt z.B. etwa Wie viele verschiedenen Möglichkeiten für ausgefüllte n2 × n2 Sudokus gibt es?. Schließlich versuchte sich noch Nudel und wurde ebenso vernichtend geschlagen und hat deshalb weise - seufzend: Wenn Susi alles so gut könnte! - die "Sportart" gewechselt.[3] Die Wahl des Spiels - laut Flash das Klatsch-Cowboyspiel, was immer das ist - machte allerdings einen infantilen Eindruck, die beiden amüsierten sich freilich köstlich und Nudel hatte seine Rache. Zu Susis Sudoku-Künsten - wenn sie einmal warmgespielt ist - kann man nur sagen, dass die deutschen Meisterschaften 2006 (und damit der Zug zur WM 2007 in Prag) leider schon vorbei sind, vielleicht reicht es ja für Sudoku - das Quiz oder die WM 2008.
Ich hatte umgesattelt auf Sankt Petersburg. Das Spiel machte anfangs einen etwas undurchsichtigen Eindruck, stellte sich andererseits als nicht unvernünftiges Strategiespiel (okay, wir wollen nicht übertreiben) heraus. Meine Anfangsfehler konnte ich allerdings nie mehr wettmachen. Insofern ging es mir wie Ronny, der seine Fehler allerdings erst im Mittelteil machte, ab da jedoch wie ich hauptsächlich als Beobachter das Ende des Spiels herbeisehnte - wie wohl überdies die Wirtsleute. Jay-Jay und Riker lieferten sich ein spannendes Finale, das erst durch die letzten aufgedeckten Karten zu Gunsten von Riker entschieden wurde. Es war höchste Zeit, die Löberitzer Schlafkammer aufzusuchen, die uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde, und die Isomatten und Schlafsäcke auszurollen. Zwar steht in Flashs E-Mail noch, dass ich über Jay-Jay schreiben soll, der trotz Bestechungsversuchen (bei St. Petersburg) und Drohungen (zufälliges Verschlafen, besetzter Dusche, aus Versehen in der Nacht umfallenden Stühlen, Einsperren in der Kiste) sich nicht zu einer schnellen Niederlage bereit erklärte, doch ich komme lieber schnell zum Sonntag, nicht ohne über vergebliche 15-minütige Vorbereitung im Schlafsack auf Jay-Jay anhand eines Slawisch-Buches zu berichten, was von Susi völlig entgeistert registriert wurde.

Sonntag

What is he, some kind of defeatist?

Diese Vorbereitung sollte sich als nutzlos erweisen - Hat die Drohung mit dem Buch dazu geführt? - jedenfalls kam am Sonntagmorgen 1.e4 von Jay-Jay. Doch zurück zum Frühstück: Nachdem ich erst als letzter das Bad benutzen durfte, kann ich erst von dem Moment an berichten, als Nudel per Handy von Docs Malheur erfahren durfte. Nachdem nämlich -Ich muss lernen!- Effi, Flori, Doc und Pavel am Samstag die Rückreise angetreten waren, hieß es am Sonntagmorgen: Tanken! Nur so als Nebenbemerkung: Mir ist aufgefallen, dass bisher bei jeder Fahrt mit Doc getankt wurde, sei es aus dem Benzinkanister, sei es an der Tankstelle. Warum tanken eigentlich die anderen Fahrer vorher? Ah, jetzt weiß ich's: Die fahren langsamer! Obwohl so viel langsamer fahre ich beispielsweise auch nicht, und fast genauso unpünktlich bin ich wohl gleichfalls. Egal, jedenfalls wurde der ML davon unterrichtet, dass Sven an der Tankstelle steht. Nein, dieses Mal war der Tank dicht. Und es war auch Benzin drin der Marke Shell V-Power, also das Beste vom Besten, sagt jedenfalls Schumi. Da gab es nur ein kleines Problem: Es war wirklich Benzin und nicht Diesel[4], dabei war Doc doch so stolz darauf, dass er jetzt ein Diesel-Fahrzeug hat. Als ich klein und dumm war, fuhren damit nur Landwirte und Fahrer mit Campingwagenanhängern, das ist jedoch eine andere Geschichte. Jedenfalls sollte man mit einem Dieselfahrzeug bei einem Tank randvoll mit Benzin nicht herumfahren. Doch der ML hat für solche Fälle höhere Mächte in Petto: Den großen Vorsitzenden. Also kurz bei Papi angerufen und ihn zur Fahrzeugübergabe an Doc bestellt. Und so saßen wir bei einer etwas wartezimmerartigen Wettkampfatmosphäre den Hallensern gegenüber und diese erwarteten hoffentlich mit einem Gefühl wie Napoleon die nachrückenden preußischen Truppen. Doc, Sonntagsüberraschung Robby, Pavel und Effi rückten überraschenderweise schon 20 Minuten nach 10 Uhr an, da anscheinend das Windelbandsche Familienfahrzeug endlich einmal ausgefahren wurde. Sollte dieses 20-Minuten-Gambit wie gegen Naumburg gut ausgehen?

Nun zu den einzelnen Partien: Neben meiner Partie habe ich am meisten bei meinem Tischnachbar, unserem allseits geschätzten ML, mitbekommen. Jedenfalls erhielt Jens vor Spielbeginn den Auftrag, an seinen ersten Schachlehrer, einen alten Bekannten Detlev Neukirchs, einen Gruß zu übermitteln. Derart motiviert - man kann doch seinen altem Schachlehrer nicht nach einer Niederlage mit einer Grußbotschaft gegenübertreten - entwickelte sich die Partie zu unseren Gunsten: Läuferpaar, Qualle mehr und dann noch Freibauern waren die Stationen auf dem Weg zum Sieg. Leider nur zu Jens persönlichem. Denn vorher hatte noch Flash nach eigener Aussage Kinderschach gespielt, obgleich ich das nicht so formulieren würde. Er hat einfach die Varianten verwechselt und ist in eine geraten, die wohl noch gerade so spielbar ist, jedoch nur durch einen nicht einfach zu sehenden taktischen Trick, der natürlich im Watson steht. So allerdings bekam Thomas Höpfl den Punkt, ohne viel dafür gekämpft haben zu müssen. Susi spielte in und nach der Eröffnung schön mit, verloren hat sie trotzdem irgendwie. Ebenso der Doc, dessen Partie ich nur einmal sehr kurz gesehen habe, und dessen Stellung ich nicht verstand. Also 1:3. Doch die restlichen Bretter standen allesamt sehr gut. Jetzt kam es wohl zu Nachwirkungen des Zeitgambits, denn bei Effi ging nach eigener Aussage die Post ab:

Die Zeitnotschlacht bei mir war echt krank, bin mit +0.8 (Schnellanalyse) reingegangen, dann Fehler gemacht und als er plötzlich eine Chance auf -2.8 kriegt, macht er den entscheidenden Lapsus, danach wieder +1.5, mein Fehler und die Stellung bei +0,05, dann sein Patzer und +5.4 für mich. (War aber komischerweise der einzige Zug, alles andere verliert.)

und dann der letzte Patzer, wie in der Partienauswahl zur Oberliga nachzuspielen. Zwar wurde dieses 1:4 noch von Robby (saustarke Partie!) auf 2:4 verkürzt und bei den restlichen beiden Partien hatten Pavel und meine Tattrichkeit jeweils einen Mehrbauern. Es sollte an diesem Tag nicht sein: Pavel schaffte nur remis und es stand 2,5:4,5 gegen uns. Ich habe das natürlich mitbekommen und war entsprechend geknickt, nur Jay-Jay hat das niemand erzählt und so dachte er, er muss mit einem Remis noch den Mannschaftssieg retten. Dabei hatte ich ihn so schön überspielt, nachdem er in der Eröffnung einen Bauern für etwas, nichtsdestoweniger nicht genügend Druck abgab. Im 60.Zug stand ich endlich auf Gewinn (ob vorher, kann ich beim besten Willen nicht sagen), es waren all die Motive vom Donnerstagstraining auf dem Brett, denn mein Springer kämpfte am Flügel gegen einen Freibauern, während am anderen meine Freibauern vor dem Loslaufen waren. Ich hatte mit 6 Minuten gegen 3 Minuten deutlich mehr Zeit auf der Uhr, es gab allerdings keine mehr dazu und es war immer noch nicht einfach - da merkte ich nun, dass ich aus einer anderen Zeit stamme, als es in dieser Situation noch Hängepartien gegeben hätte und man in aller Ruhe daheim (ohne Computer) den Sieg ausgetüftelt hätte. Eine weitere halbe Stunde - wie noch in der vergangenen Saison - hätte trotz der etwas nachlassenden Konzentration wohl gereicht, so war es ein Glücksspiel, bei dem Jay-Jay, der sich tapfer wehrte, nach gefühlten 90 Zügen[5] und hängendem Blättchen mit einem Remis belohnt wurde. Scheibenkleister! Können wir nicht wenigstens mit Inkrement spielen? Mit einem gezielten Kugelschreiberwurf in ein unbevölkertes Eck versuchte ich etwas Druck abzubauen - Sorry an alle, die ich erschreckt habe! Gratulieren wollte mir jedenfalls zum Remis keiner, alle hatten wohl verständlicherweise Angst. Heimgefahren sind wir auch noch, erinnern kann ich mich an nichts, ich musste erst wieder normale Betriebstemperatur erreichen. Ich weiß also nicht, was nahe einem bei Halle liegenden Dorf, der Fahrer mir auf der Rückreise gen Magdeburg nach der Schlacht, um die Zeit, da das Dorf schon ganz von der Armee der Schachspieler von AEM verlassen worden war, erzählte. Ein paar Tage später war ich jedenfalls krank.

Coda: Pokal

We're gonna groove, Yeah groove
Yeah we're gonna groove 

Eine Woche später stand der deutsche Pokal-Wettbewerb auf dem Programm. Der Landesligist SC Bad Salzdetfurth war unser Gastgeber. Nachdem Nudel einfach so beim Ramada-Cup in Halle mit Freunden[6] spielte, sollten Effi, Flash, Mc und ich für AEM auflaufen, nachdem andere wie z.B. Weuni oder Doc absagten. Nachdem ich sowieso keine besondere Lust auf Schach hatte und meine wenige Freizeit gerne anders verbracht hätte, kam ferner noch besagte starke Erkältung dazu. Ausgestattet mit genügend Taschentüchern und Salbei-Bonbons konnte ich erst am Freitagabend grünes Licht für einen Einsatz geben - am Donnerstag musste ich das Training noch ausfallen lassen. Die Fahrt nach Bad Salzdetfurth war recht kurzweilig. Markus klagte, dass er nicht sowohl den 1.FCM auf St.Pauli als auch das irische Pokal-Finale in Dublin an der Lansdowne Road[7] anschauen könnte, weil der passende Billigflieger nach Dublin leider schon zur Halbzeitpause abfliegen würde, ich konnte ein wenig zur englischen Pokaltradition beisteuern, weil ich gerade Fever Pitch von Nick Hornby lese; es ging um Ticketpreise in den Siebziger Jahren (25 Pence in England, 25 Pfennige im Osten), währenddessen Markus den Stau in seiner unnachahmlichen Art umfuhr - auf Details verzichte ich, um die Ermittlungsbehörden nicht auf den Plan zu rufen. Und Warnung: Bitte nicht selbst versuchen![8] Schließlich habe ich noch mit Ortskenntnissen von Bad Salzdetfurth verblüfft - ich war nämlich mit meiner Freundin Ende September als Zuschauer auf den Norddeutschen Meisterschaften im Voltigieren in Hohenhameln und auf der Rückfahrt haben wir uns erst in einem Cafe verköstigt und hinterher die schöne Altstadt von Bad Salzdetfurth angesehen. Die Altstadt ist wirklich sehr empfehlenswert, das Speiseeis, das es dort zu kaufen gibt, weniger, obwohl wir praktisch alle Eiscafes durchprobierten. Markus hatte sich vorgenommen, nach seinem Spiel die Altstadt anzusehen, nachdem er die Stadt mit den Google Maps vorher erkundet hatte. Doch da sollte er die Rechnung ohne seinen Gegner gemacht haben.

Nachdem wir noch kurz bei dem nahegelegenen Bäcker einkauften (ich musste noch etwas frühstücken/mittagessen), ging es an die Brettverteilung. Bei der Aufstellung haben wir uns als Favorit danach orientiert, dass der Gegner sich an uns zu orientieren hat, und wie üblich aufgestellt, also Effi an 1, Flash an 2, meine hustende und schniefende Wenigkeit an 3 und der Mc an 4. Unsere Gegner versuchten so etwas wie eine taktische Aufstellung und haben ihr sonstiges Spitzenbrett an 4 und den DWZ-Stärksten an 3 aufgestellt, obwohl mein Gegner hinterher meinte, dass er nicht der Beste im Verein ist, sondern letztes Jahr ausnahmsweise nur eine gute Saison hatte. Wenn man auf die DWZ-Liste schaut, merkt man, dass die besten vier von Salzdetfurth alle im Bereich von 2100 bis knapp über 2200 liegen und daher nicht zu unterschätzen waren. Durch die Aufstellungstaktik lagen wir an 3 und 4 sogar im DWZ-Nachteil und ich war mir nicht so sicher, wie lange ich krankheitsbedingt durchhalten würde. Dagegen war ich vermutlich sogar besser als vor dem letzten Mannschaftskampf vorbereitet, weil ich einen warmen Extrapulli dabei hatte und am Samstagvormittag noch in meiner Datenbank nachgesehen habe, was unsere potentiellen Gegner so spielten. So wusste ich, dass ich mich im wesentlichen nicht vorzubereiten hatte. Mein Gegner - Jürgen Schwetje - wählte einen geschlossenen Franzosen, wie erwartet. Wenn ich mich wirklich vorbereitet hätte, dann hätte ich vielleicht eine der Varianten in der aktuellen Watson-Ausgabe (tatsächlich schon aus dem Jahre 2003 - wie die Zeit vergeht) ausprobiert, so mussten es die Varianten der 2.Auflage (aus der späten Steinzeit, genauer 1996) tun und das taten sie ganz gut. Effi bekam als Weißer - gegen Heinrich Höxter - die Gelegenheit, nochmal Wolga-Gambit zu üben und hatte nach 2 Stunden Spielzeit ebenfalls deutliche Vorteile auf der Uhr(!) und auf dem Brett. Flash hatte mit Schwarz - gegen Thomas Sill - eine interessante Stellung in einem Winawer-Franzosen mit weißem a4, die nach meinem Gefühl gleiche Chancen bot. Nur Mc - gegen Matthias Tonndorf, der vergangene Saison noch mit Xiangqi-Freund Andreas Klein bei Salzgitter spielte - hatte trotz Anzugsvorteil etwas Nachteil, weil er in seinem Dameninder(!) mit dem isolierten Bauern nicht genügend Druck entwickelte. Nach 3 Stunden war mehr oder weniger alles vorbei. Mein Gegner machte mit seinem Königsangriff-Plan zielstrebig und total konsequent weiter, während ich alle Figuren entwickelte und im Zentrum und am Damenflügel zum Gegenschlag ansetzte. Überraschenderweise will Fritz VIII praktisch all die weißen Züge auch spielen und denkt ähnlich wie mein Gegner, dass er auf Qualitätsgewinn spielen kann. Ein nicht besonders subtiles Angebot eines Bauernopfers mit h7-h5 lenkt seine Dame etwas ab - na gut, kann man übersehen, dass bei Angriff auf den König einfach ein Verteidigungsbauer spendiert wird. Und wenn man dann genauer hinsieht, sollte einem absolut klar sein, dass das Bauernopfer ein Danaergeschenk ist - ich habe zugegebenermaßen nicht mal genauer hingesehen. Das muss selbst Fritz letztlich einsehen und die Bewertung für Schwarz ist kurz nach dem 20.Zug bei -+. Mein Gegner hat danach noch ein paar Tricks versucht, im 28.Zug ging er indessen an Materialmangel zugrunde. Trotz Krankheit eine meiner besseren Partien und kein langweiliges Schach. Wenngleich - Letzteres lag vielleicht hauptsächlich am Gegner.

Zufrieden, dass ich bei meinem Gesundheitszustand nicht zu lange spielen musste und mit einem Blick auf Effis Gewinnstellung und Flashs ausgeglichene Chancen machte ich mich auf dem Weg zu einem Discounter auf der anderen Straßenseite. Dort musste ich leider feststellen, dass das Lebkuchenangebot bei dem Discounter der gleichen Kette in Magdeburg größer ist. Daher konnte ich Mc nur mit minderwertigerer Ware versorgen, aber ein Blick auf seine Stellung bei der Rückkehr zeigte mir, dass er sich tapfer wehrte. Vorher hatte ich noch nach Hause telephoniert und berichtet, dass wir so gut wie gewonnen haben, da Effi auf Sieg steht. Meine Freundin hat das natürlich nicht verstanden und war daher etwas säuerlich, als wir erst viele Stunden später zurückkamen. Nachdem nämlich Flashs Gegner angesichts seiner knappen Zeit die weniger riskanten Varianten wählte und Flash angesichts des Spielstandes das gleiche tat und daher folgerichtig nach 4 Stunden ein Remis aufs Brett kam - die interessanten Varianten haben wir in der Analyse noch länger durchgekaut -, war wirklich alles entschieden. Effi hat nicht mehr allzulange gebraucht, um die Formalitäten zu erledigen. Somit standen 2,5 Punkte und die nächste Runde bereits fest.

Mc hat derweil mit einem zweiten Remisgebot (das erste war in der Eröffnung) den Unmut seines Gegners erregt und war als Schatzmeister über des Schiedsrichters Wahl der Verkehrsmittel, die bei der Abrechnung zu Tage traten, nicht besonders begeistert, da dieser die deutschen Bahn durch ungeschickte Ticketwahl und ferner die Taxibranche an seinem Heimatort und in Bad Salzdetfurth unterstützte. Nun, er hatte noch einige Zeit, das zu verdauen, da sein Gegner weiter versuchte, ihn zu kneten, dabei zwar einen Bauern eroberte, jedoch Mc weiter munter mitspielte. Irgendwann nach vielen, vielen Stunden war dann ein Springerendspiel erreicht, bei dem Mc trotz Minusbauern nur noch das Zugrecht an den Gegner abgeben hätte müssen, um zu gewinnen! Da dies indes mit einem König, der nur auf zwei Feldern hin- und herziehen kann um den Druck zu erhalten, und einem Springer nicht geht, musste Mc sich mit einem schwer erkämpften Unentschieden zufrieden geben. Obwohl er eine Woche später immer noch von der Endstellung beeindruckt war und die Gewinnvariante suchte. Wir haben uns noch zu später Stunde von den netten Gastgebern verabschiedet, nachdem der Gastwirt durch Schusseligkeit vorher weitere Nahrungsaufnahmen unsererseits sabotiert hatte. Dabei hatten wir gründlich die Speisekarte studiert und über die Fragen der Boulevard-Sportpresse sinniert, wie oft der FC Bayern die Gruppenphase der Champions League überstanden hat, um uns die Zeit zu vertreiben. Mc hat uns noch sicher heimgebracht.

Robert O

NikolausLustig, lustig, trallerallera, bald ist Nikolausabend daNikolaus

Sprüche

„Nun sei doch mal ruhig, Jay-Jay!“
Nudel und Flash beschweren sich bei Jay-Jay, den seine eigenen Mannschaftskollegen nicht mitnahmen und der stattdessen lieber die AEMer einfach nicht schlafen ließ

„Hey, nicht dass du mir was wegguckst!“
„Keine Sorge, Susi, wenn ich meine Brille nicht aufhabe, kann ich eh nichts sehen, selbst wenn du nackt wärst!“
„Wie meinst' denn dit jetzt?!“
Susi auf dem Weg ins Bad zu Nudel

„Ich würde lieber 3:1 führen und schlechter stehen!“
Nudel zu den Hallensern, die eine Niederlage fürchteten, beim Stande von 1:3 und noch wenigstens 3 möglichen Punkten auf den Brettern.

„Ich habe jetzt einen Diesel!“
Doc zu Susi über sein neues Auto - am Samstag!

„Wollen wir noch analysieren? Oder hast Du die Schnauze voll?“
Thomas Höpfl zu Flash nach der Partie

„170? Mehr als 200!“
Susi zu Flash, der begründen wollte, warum der Doc bei Tempo 170 schneller ankommt, obwohl er später losfährt

„Voltigieren - Was ist das?“
„So was wie Turnen auf dem Pferd!“
„Wieso sollte man auf dem Pferd turnen?“
„Naja, man macht ja auch Bodenturnen!“
Dialog, um zu erklären, wieso man schon mal in der Gegend von Salzdetfurth war



  1. ^bis auf Mails vom ML und von Flash und bis auf Effis Kurzkommentar (Herzlichen Dank an Euch drei!)
  2. ^O.K., ich bin aufgeklärt worden, das Spiel heißt Drachenfaust, und es hat mich gar nicht fasziniert und viel Strategie ist nicht mit dabei.
  3. ^Auf besonderen Wunsch stelle ich noch klar, dass Nudel ein Spiel - das letzte - gewonnen hat, ehe das Spiel gewechselt wurde.
  4. ^Unter der Marke V-Power gibt auch Diesel und nach Docs Schilderung ist das an der Tanksäule kaum zu unterscheiden!
  5. ^Im 70.Zug habe ich das Mitschreiben eingestellt, die Partie ist also in der Oberliga-Datenbank nicht vollständig.
  6. ^Wenn einer dieser Freunde Maik Richter heißt, dann kommen natürlich Gerüchte auf, dass es mehr eine Sauftour denn ein Schachturnier ist. Und natürlich enthalten alle Gerüchte einen wahren Kern.
  7. ^Das ist nämlich wirklich tragisch, weil es das letzte Spiel vor dem totalen Umbau des Lansdowne Road Stadions war. Derry City gewann das Finale im FAI Cup gegen St. Patrick's Athletic am 3.Dezember 2006 mit 4:3 in der Verlängerung. Vielleicht hätte Mc einfach den FCM auf St.Pauli sein lassen sollen, nachdem es dort eh nur eine 2:0-Niederlage gab.
  8. ^Andererseits hat Markus sogar einen Bus vor sich einscheren lassen. Dass es sich dabei um den Bus der "Jungwölfe" des VfL Wolfsburg handelte, war wohl der reine Zufall. Jedenfalls dachten wir nach einer gründlichen Inspektion des Busses, dass es die "Jungwölfe" waren. Nach einer Kontrolle der Termine scheint mir, dass es eher die zweite Fussballmannschaft auf dem Weg nach Braunschweig war.


© 2006, Robert O. (Autor&Verleger) auf den Seiten von AE Magdeburg
Letzte Änderung: Thu Dec 07 17:46:45 2006
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