Schon beim Donnerstag-Training vorm Pokalwochenende überbrachte mir ML Windel die schlimme Nachricht: “Guido kümmert sich um die Unterkunft, Robert um die Routenplanung, ich um die Aufstellung und für dich bleibt...”. Ich wusste also bereits, wer sich publizistisch betätigen ,durfte'. Auf Vorbereitung wurde zugunsten von Aufgaben (wie immer so schwer, dass wir sie knapp nicht rauskriegen) und Wijk-Analysen verzichtet, begleitet von allerhand Schachweisheiten. Daraufhin beschloss Wagi spontan, ein Phrasenschwein zu organisieren - es ist eine Sie und steht inzwischen bereits angefüttert im Spiellokal - Dank an den Spender!
So stand also am letzten Januarwochenende eine Doppelrunde im
deutschen Mannschaftspokal auf dem Programm. Neben Ausrichter ESV
Nickelhütte Aue waren USV TU Dresden (ein weiterer Zweitligist)
und der thüringische Bezirksligist SV Hermsdorf für die
Zwischenrunde qualifiziert. Das Erreichen der Sonntagsrunde
wäre also sicher ein ordentlicher Teilerfolg.
Überpünktlich in Schneeberg, einer nahe Aue und der tschechischen
Grenze befindlichen Stadt mit ca. 16.000 Einwohnern, angekommen, wurde
zwecks Stärkung noch schnell ein Italiener besucht. Unwissend der
Tatsache, dass sich das Kulturzentrum
"Goldene Sonne" nur wenige Meter
entfernt befand, erfolgte eine kleine Sightseeing-Tour per Auto, bis
man sich dann doch im Spiellokal einfand. Gleich am Marktplatz samt
Rathaus gelegen, bot es ideale Spielbedingungen: ausreichend
Bewegungsfreiheit, viel Ruhe und kostenfreie Verpflegung für die
Schachspieler. So spielt es sich doch gerne!
Doch zunächst stand die Auslosung an. Aufgrund der starken
Aufstellung von Aue mit 2 GM und der Tatsache, dass bei Dresden
einige Spitzenspieler fehlten, war unserem ML sofort klar, welchen
Gegner wir zugelost bekommen würden ("Wir bekommen immer den
zweitstärksten Gegner!"). Gegen die mit Dirk Wegener, Iakov Loxine,
Felix Graf und Dr. Dierk Seifert angetretenen Dresdner konnte man
einen ausgeglichenen Wettkampf ohne klaren Favoriten erwarten. Die
Aufstellung ergab sich bei der ausgelosten Farbverteilung recht
schnell: Robert an 1 (vermutlich gegen Dirk) wird sicher Remis (er
verliert ja nur gegen Rochadespitzel, die ihn jede Woche beim
Training ausspionieren), Guido und ich an den Weißbrettern sollten
auf Vorteil spielen und zumindest nicht verlieren, Jens am letzten
Brett auf Sieg spielen. Seiner äußerst optimistischen (oder aufgrund
seiner vielen bisherigen Saisonsiege eher selbstironisch zu
nennenden) Einschätzung der Lage (siehe oben) vertrauten wir zum
Glück nicht; oder anders ausgedrückt: Zum Glück höre ich nicht immer
auf den ML!
Dresden experimentierte nicht viel und stellte, wie wir
vermutet/gehofft hatten, strikt nach Zahl auf. Der Kampf konnte
beginnen:
An einigen Brettern wurden die Tendenzen erstaunlich schnell klar: Bei
mir kam Bogoindisch aufs Brett. Nachdem ich mit dem g3-Aufbau eine
Nebenvariante wählte (für die ich schon berechtigte Kritik von
Berliner Seiten bekam), setzte Felix schnell e5-e4 durch, vermutlich
sein einziger Fehler in der Partie. Aber es war einer dieser wenigen
Tage, an denen man immer den richtigen Zug wählt und sogar alle
Varianten korrekt berechnet. So dominierte mein fianchettiertes
Läuferpaar die Stellung komplett. Schließlich musste ich zwar einen
von ihnen geben, aber beide feindlichen Springer waren ein akzeptabler
Preis. Doch bei Jens sah es schon schnell nach dem Ausgleich aus, in
seinem Leningrader lief nach einem ihm unbekannten Zug von Dierk
irgend etwas gewaltig schief. Irgendwann ging durch ein Springerschach
auf f7 auch noch eine Qualität verloren, die sein Gegner schließlich
recht sicher verwertete. Bei Robert kam MacCutcheon aufs Brett, was er
meines Erachtens gut beherrscht (sah ihn in dem Eröffnungssystem noch
nie schlechter stehen). Doch er verband wohl mehrere schlecht
vereinbare Eröffnungsideen miteinander und stand nach einigen Zügen
äußerst unangenehm. Guido packte derweil mit Weiß Lb5 gegen
Sizilianisch aus, um sich nach wenigen Zügen das Läuferpaar zu
sichern! Nach schwarzem e5 entstand eine Spanisch-Struktur. Zunächst
wohl annähernd ausgeglichen, entwickelte sich die Stellung nach
Zentrumsöffnung sehr zu Guidos Gunsten. Irgendwann gewann er dann erst
einen, schließlich sogar einen zweiten Bauern. Es sah nach 4
Weißsiegen und Stechen aus, doch Robert gelang es durch mehrere
ungenaue Züge von Dirk zu entwischen und bot in wohl schon leicht
besserer Stellung Remis an. Somit würde jetzt bei Guido ein halber
Punkt reichen, um erneut durch Wertung zu triumphieren. Nachdem seine
Mehrbauern abhanden kamen und noch eine taktische Siegchance vergeben
wurden, stand schließlich zumindest der benötigte halbe Punkt und
damit der Mannschaftserfolg fest! Da Aue derweil sicher gegen den
klaren Außenseiter Hermsdorf mit 3,5:0,5 gewann (immerhin schaffte
Gerhard Pietzsch gegen Ralf Schnabel in der längsten Partie des Tages
ein bis zum letzten Bauern ausgekämpftes Remis), stand die
Sonntagspaarung Nickelhütte Aue gegen Aufbau Elbe Magdeburg fest.

AEM von links nach rechts: Guido, Robert, Flash und Nudel (Quelle: Nudel, Fotograf: Schiedsrichter Th. Coder)
Zur organisierten Schlafsackübernachtung ging es diesmal nach
Auerbach. Am Abend stand noch der Besuch eines sehr idyllisch mitten
in der Stadt auf einem Hügel gelegenen Griechen an, dem speziell
Guido und Jens aufgrund des kostenlosen Ouzo und der Aussicht auf
Gratisessen nicht widerstehen konnten (Gerüchten zufolge müsse man
nur eine Metallknobelei entwirren, um sich die Rechnung zu
ersparen). Leichter Platzmangel führte uns an einen Tisch mit einem
netten Paar. Nach anfänglichen Kommunikationsproblemen zwischen Guido
und dem Mann kam man schnell ins Gespräch, welches Jens geschickt
zielstrebig Richtung Schach steuerte. So erfuhr man unter anderem,
dass sich der Mann in seiner schachlichen "Lernphase" befand, und mit
seinem Schachprogramm nun die Fun-Level gemeistert hat
(Ausführlicheres zum Gespräch
siehe Sprüche)!
Dann wurde gespeist und Roberts anfänglicher Wunsch nach einem Dessert
schon im Ansatz durch die schiere Menge des Hauptgangs
unterdrückt.[1] Noch geringer war der Bedarf an Getränkenachbestellung:
Wurde jedem zunächst ein unverdächtig erscheinendes Glas
Willkommensouzo spendiert, bestand man nach einer Weile auf ein
Nachschenken. Dieser Prozess wiederholte sich bedauernswerter Weise
noch einige Male, die Intervalle wurden leider immer kürzer und
anfänglich erfolgsversprechende Ausreden ("Ich habe doch hier noch
mein Glas Rotwein") schließlich auch nicht mehr akzeptiert. Im Wechsel
lauerten der Restaurantbesitzer (ein stolzer griechischer Vogtländer)
und sein Sohn (fühlt sich überall und nirgends heimisch) im
Hintergrund schleichend auf die nächste Gelegenheit, uns einen Ouzo zu
verpassen! Schließlich half dann aber alles nichts, wir mussten nach
dem vielleicht zehnten Glas entschieden ablehnen, was beim Griechen
nur eine logische Schlussfolgerung zuließ: wir seien motorisiert
hier!!!
Bergauf zurücktorkelnd im Quartier angekommen, stand noch
Vorbereitung auf dem Programm; aufgrund unseres Zustands auf
nötigste begrenzt: Zunächst die Aufstellung, mit Schwarz an 1 wurde
schnell entschieden und ziemlich sicher bei allen möglichen
Aufstellungskonstellationen der Auer lockere 3:1-Siege für uns
gefunden (lag alles am Ouzo!). Mit Weiß an 1 wurde einige Zeit
diskutiert, schließlich sogar die Verweigerung dieser Losung in
Betracht gezogen...
Eröffnungsvorbereitung gab es danach auch noch, wurde aber mehr oder
weniger kurz gehalten (auch wenn es Gerüchte gibt, das Robert sich am
nächsten Morgen einige Stunden lang französische Varianten
verinnerlichte..); nach erholsamer Nacht waren alle wieder frisch am
Start!
Natürlich bekamen wir Weiß an 1, setzten uns aber dennoch an die Bretter: Eine direkte Strategie war sicher schwierig, da man an allen Brettern wertzahlmäßig klarer Außenseiter war. An den ersten beiden Brettern sollte es bei mir und Robert gegen die GM Viesturs Meijers und Thomas Oral möglichst keine Niederlagen geben und bei Guido und Jens gegen Viteslav Priehoda (ersetzte Ralf Schnabel) und Cliff Wichmann irgendwie einen Sieg.

GM Meijers am Spitzenbrett vorne, dahinter von links nach rechts:
FM Wichmann, Flash, IM Priehoda (Quelle: Nudel)
Es begann eigentlich auch recht vielversprechend, ich erlangte nach dem meines Erachtens vor allem auf Großmeisterniveau sehr zweifelhaften Eröffnungssystem 1.d4 e6 2.e4 b6 sicher mehr als nur den üblichen minimalen weißen Eröffnungsvorteil. Robert opfert in einer vorbereiten Variante das Läuferpaar für eine kompakte Stellung. Die vermutlich leicht schlechtere Stellung sollte ihm aber liegen, kann man sie doch bequem auf Remis spielen. Guido mit Schwarz zwar auch mit normaler Schwarzstellung, allerdings zum soliden Abwarten gezwungen. Cliff traut es sich gegen Jens nicht zu, die von ihm kritisierte MacCutcheon-Behandlung von Robert gegen Dresden zu verbessern und spielt lieber das Rubinstein-System. Windel erreicht mit wenig Variantenkenntnis aber viel Kreativität eine interessante Stellung, nach nicht gezogenem Qualitätsopfer (wohl zu unklarer Angriffsstellung führend) und einigen weiteren Ungenauigkeiten kam Cliff aber immer besser ins Spiel. Die schwarzen Figuren dominierten nach Damentausch das Geschehen, ein Endspiel mit Mehrbauern sah dann nach mindestens klarem Vorteil aus. In der Schlussstellung sollte Jens aber wieder Ausgleich erzielt haben, doch ein plötzliches Klingeln führte überraschend zu unserer Führung.

Robert gegen GM Oral mit deutlichem Zeitvorteil (Quelle: Nudel)
Einige Zeit
später ließ ich mich aber von einer taktischen Idee meines
Gegners völlig aus dem Konzept bringen. Objektiv war die Partie
längst nicht entscheiden. Psychologisch ging aber irgendwie nichts
mehr und ich fand gegen die gegnerische Dame in meinem Lager mehrere
schlechte Züge und gab nach der Zeitnot ein verlorenes Endspiel
auf. Schade, mit der Vortagsform wäre sicher einiges mehr drin
gewesen! Kurz danach verlor auch Guido, der seine defensive Stellung
nicht mehr halten konnte und der Wettkampf war zu unseren Ungunsten
entschieden. Roberts halber Punkt in einer wohl nie stark von der
Remisbreite abweichenden Partie besiegelte das 1,5:2,5.[2]
Ein spannendes Pokalwochenende mit interessanten Partien ging zuende;
der Favorit Aue setzte sich durch und steht nun im Viertelfinale gegen
die SG 1871 Löberitz.

Aues ML Hillebrand freut sich über den Sieg und Cliffs
"Spende" für die Mannschaftskasse (Quelle: Nudel)
“Ich habe Holländisch-Verbot bekommen. Meine Mannschaftskameraden fühlen sich dadurch immer so unter Druck gesetzt!”
“Schneit es hier morgen?”
“Auf keinen Fall!”
Das Wetter am Sonntagmorgen darf der Leser nun selbst erraten!
Robert, am anderen Ende einer Kaufhalle hin- und
herlaufend: “Wo ist die Milch?”
Kassiererin (genervt Grimassen schneidend): “Na hier!”[3]
“Seid ihr Raucher?” “Nein, wir sind keine Auerbacher!”
“Raucher?” “Auerbacher?”
“Auerbacher?” “Nein, wir sind keine Auerbacher!”
Guido überlistet seinen Gesprächspartner geschickt
Windel:
“Wir haben an einem SPORTLICHEN Wettkampf in Schneeberg teilgenommen und uns für die nächste Runde qualifiziert, die morgen stattfindet”
... (eine halbe Ewigkeit des allgemeinen Schweigens und wohlwissenden Grinsens von Guido und Flash später):
Mann: “Entschuldige die Frage, aber welche Sportart ist denn euer SPORT”
Guido und Flash fast zeitgleich:
“Das hast Du nun davon, Windel”; “Jetzt sieh mal zu, wie du aus der Nummer wieder rauskommst!”
Windel: “SCHACH!”
Gast: “Ah Schach, ich dachte erst Boxen oder Volleyball, aber na ja, so seht ihr ja nun jedenfalls nicht aus!”
“Die Fun-Level sind ja jetzt durch, da wird es nun ernst”
Frau des lernwilligen Schachspielers:
“Da hat mein Mann aber Glück gehabt, in seiner schachlichen Phase beim Essen neben Schachspielern zu sitzen!”
(man wird nie erfahren, ob nicht ein Hauch von Zynismus mitspielt...)
“Das mit dem Vegetariersein nehme ich nicht so tierisch ernst”
Robert outet sich!
“Wenn wir an 1 Schwarz haben, ist die Aufstellung klar, wenn nicht, geben wir am besten gleich auf!”
“Also alles klar: Windel an 1 mit Schwarz oder an 4 mit Weiß”
Aufstellungsstrategien im Pokal
Windel: “Ich spiel dann Schwarz mit Weiß!”
Windel hat's verstanden!
“Ich muss mir meine Vorbereitung unbedingt merken: 1.d4 e6 2.e4!”
Der Schreiber sei entschuldigt, da er nur selten mit Ouzo abgefüllt wird...
“Jens hätte immer gewonnen, nur sein Blättchen darf nicht zu früh fallen!”
Cliffs prägnante Partieanalyse zu Windels Handysieg
“Ach, das war gar nicht der Schnabel?”
Windel, auf der Rückfahrt erkennend, dass Aue nicht ganz mit der Vortagsaufstellung antrat!