AEMAEM Mannschaftsberichte - Saison 2007/08

Deutscher Mannschaftspokal in Schneeberg

Prolog: "Wer nur deckt, kann nicht gewinnen!"

Schon beim Donnerstag-Training vorm Pokalwochenende überbrachte mir ML Windel die schlimme Nachricht: “Guido kümmert sich um die Unterkunft, Robert um die Routenplanung, ich um die Aufstellung und für dich bleibt...”. Ich wusste also bereits, wer sich publizistisch betätigen ,durfte'. Auf Vorbereitung wurde zugunsten von Aufgaben (wie immer so schwer, dass wir sie knapp nicht rauskriegen) und Wijk-Analysen verzichtet, begleitet von allerhand Schachweisheiten. Daraufhin beschloss Wagi spontan, ein Phrasenschwein zu organisieren - es ist eine Sie und steht inzwischen bereits angefüttert im Spiellokal - Dank an den Spender!

Teil 1: "Ihr drei macht Remis und ich gewinne!"

So stand also am letzten Januarwochenende eine Doppelrunde im deutschen Mannschaftspokal auf dem Programm. Neben Ausrichter ESV Nickelhütte Aue waren USV TU Dresden (ein weiterer Zweitligist) und der thüringische Bezirksligist SV Hermsdorf für die Zwischenrunde qualifiziert. Das Erreichen der Sonntagsrunde wäre also sicher ein ordentlicher Teilerfolg.
Überpünktlich in Schneeberg, einer nahe Aue und der tschechischen Grenze befindlichen Stadt mit ca. 16.000 Einwohnern, angekommen, wurde zwecks Stärkung noch schnell ein Italiener besucht. Unwissend der Tatsache, dass sich das Kulturzentrum "Goldene Sonne" nur wenige Meter entfernt befand, erfolgte eine kleine Sightseeing-Tour per Auto, bis man sich dann doch im Spiellokal einfand. Gleich am Marktplatz samt Rathaus gelegen, bot es ideale Spielbedingungen: ausreichend Bewegungsfreiheit, viel Ruhe und kostenfreie Verpflegung für die Schachspieler. So spielt es sich doch gerne!
Doch zunächst stand die Auslosung an. Aufgrund der starken Aufstellung von Aue mit 2 GM und der Tatsache, dass bei Dresden einige Spitzenspieler fehlten, war unserem ML sofort klar, welchen Gegner wir zugelost bekommen würden ("Wir bekommen immer den zweitstärksten Gegner!"). Gegen die mit Dirk Wegener, Iakov Loxine, Felix Graf und Dr. Dierk Seifert angetretenen Dresdner konnte man einen ausgeglichenen Wettkampf ohne klaren Favoriten erwarten. Die Aufstellung ergab sich bei der ausgelosten Farbverteilung recht schnell: Robert an 1 (vermutlich gegen Dirk) wird sicher Remis (er verliert ja nur gegen Rochadespitzel, die ihn jede Woche beim Training ausspionieren), Guido und ich an den Weißbrettern sollten auf Vorteil spielen und zumindest nicht verlieren, Jens am letzten Brett auf Sieg spielen. Seiner äußerst optimistischen (oder aufgrund seiner vielen bisherigen Saisonsiege eher selbstironisch zu nennenden) Einschätzung der Lage (siehe oben) vertrauten wir zum Glück nicht; oder anders ausgedrückt: Zum Glück höre ich nicht immer auf den ML!
Dresden experimentierte nicht viel und stellte, wie wir vermutet/gehofft hatten, strikt nach Zahl auf. Der Kampf konnte beginnen:
An einigen Brettern wurden die Tendenzen erstaunlich schnell klar: Bei mir kam Bogoindisch aufs Brett. Nachdem ich mit dem g3-Aufbau eine Nebenvariante wählte (für die ich schon berechtigte Kritik von Berliner Seiten bekam), setzte Felix schnell e5-e4 durch, vermutlich sein einziger Fehler in der Partie. Aber es war einer dieser wenigen Tage, an denen man immer den richtigen Zug wählt und sogar alle Varianten korrekt berechnet. So dominierte mein fianchettiertes Läuferpaar die Stellung komplett. Schließlich musste ich zwar einen von ihnen geben, aber beide feindlichen Springer waren ein akzeptabler Preis. Doch bei Jens sah es schon schnell nach dem Ausgleich aus, in seinem Leningrader lief nach einem ihm unbekannten Zug von Dierk irgend etwas gewaltig schief. Irgendwann ging durch ein Springerschach auf f7 auch noch eine Qualität verloren, die sein Gegner schließlich recht sicher verwertete. Bei Robert kam MacCutcheon aufs Brett, was er meines Erachtens gut beherrscht (sah ihn in dem Eröffnungssystem noch nie schlechter stehen). Doch er verband wohl mehrere schlecht vereinbare Eröffnungsideen miteinander und stand nach einigen Zügen äußerst unangenehm. Guido packte derweil mit Weiß Lb5 gegen Sizilianisch aus, um sich nach wenigen Zügen das Läuferpaar zu sichern! Nach schwarzem e5 entstand eine Spanisch-Struktur. Zunächst wohl annähernd ausgeglichen, entwickelte sich die Stellung nach Zentrumsöffnung sehr zu Guidos Gunsten. Irgendwann gewann er dann erst einen, schließlich sogar einen zweiten Bauern. Es sah nach 4 Weißsiegen und Stechen aus, doch Robert gelang es durch mehrere ungenaue Züge von Dirk zu entwischen und bot in wohl schon leicht besserer Stellung Remis an. Somit würde jetzt bei Guido ein halber Punkt reichen, um erneut durch Wertung zu triumphieren. Nachdem seine Mehrbauern abhanden kamen und noch eine taktische Siegchance vergeben wurden, stand schließlich zumindest der benötigte halbe Punkt und damit der Mannschaftserfolg fest! Da Aue derweil sicher gegen den klaren Außenseiter Hermsdorf mit 3,5:0,5 gewann (immerhin schaffte Gerhard Pietzsch gegen Ralf Schnabel in der längsten Partie des Tages ein bis zum letzten Bauern ausgekämpftes Remis), stand die Sonntagspaarung Nickelhütte Aue gegen Aufbau Elbe Magdeburg fest.

AEM vor Schneeberg-Info
AEM von links nach rechts: Guido, Robert, Flash und Nudel (Quelle: Nudel, Fotograf: Schiedsrichter Th. Coder)

Teil 2: "Aber nächstes Mal kommt ihr ohne Auto!"

Zur organisierten Schlafsackübernachtung ging es diesmal nach Auerbach. Am Abend stand noch der Besuch eines sehr idyllisch mitten in der Stadt auf einem Hügel gelegenen Griechen an, dem speziell Guido und Jens aufgrund des kostenlosen Ouzo und der Aussicht auf Gratisessen nicht widerstehen konnten (Gerüchten zufolge müsse man nur eine Metallknobelei entwirren, um sich die Rechnung zu ersparen). Leichter Platzmangel führte uns an einen Tisch mit einem netten Paar. Nach anfänglichen Kommunikationsproblemen zwischen Guido und dem Mann kam man schnell ins Gespräch, welches Jens geschickt zielstrebig Richtung Schach steuerte. So erfuhr man unter anderem, dass sich der Mann in seiner schachlichen "Lernphase" befand, und mit seinem Schachprogramm nun die Fun-Level gemeistert hat (Ausführlicheres zum Gespräch siehe Sprüche)!
Dann wurde gespeist und Roberts anfänglicher Wunsch nach einem Dessert schon im Ansatz durch die schiere Menge des Hauptgangs unterdrückt.[1] Noch geringer war der Bedarf an Getränkenachbestellung: Wurde jedem zunächst ein unverdächtig erscheinendes Glas Willkommensouzo spendiert, bestand man nach einer Weile auf ein Nachschenken. Dieser Prozess wiederholte sich bedauernswerter Weise noch einige Male, die Intervalle wurden leider immer kürzer und anfänglich erfolgsversprechende Ausreden ("Ich habe doch hier noch mein Glas Rotwein") schließlich auch nicht mehr akzeptiert. Im Wechsel lauerten der Restaurantbesitzer (ein stolzer griechischer Vogtländer) und sein Sohn (fühlt sich überall und nirgends heimisch) im Hintergrund schleichend auf die nächste Gelegenheit, uns einen Ouzo zu verpassen! Schließlich half dann aber alles nichts, wir mussten nach dem vielleicht zehnten Glas entschieden ablehnen, was beim Griechen nur eine logische Schlussfolgerung zuließ: wir seien motorisiert hier!!!

Bergauf zurücktorkelnd im Quartier angekommen, stand noch Vorbereitung auf dem Programm; aufgrund unseres Zustands auf nötigste begrenzt: Zunächst die Aufstellung, mit Schwarz an 1 wurde schnell entschieden und ziemlich sicher bei allen möglichen Aufstellungskonstellationen der Auer lockere 3:1-Siege für uns gefunden (lag alles am Ouzo!). Mit Weiß an 1 wurde einige Zeit diskutiert, schließlich sogar die Verweigerung dieser Losung in Betracht gezogen...
Eröffnungsvorbereitung gab es danach auch noch, wurde aber mehr oder weniger kurz gehalten (auch wenn es Gerüchte gibt, das Robert sich am nächsten Morgen einige Stunden lang französische Varianten verinnerlichte..); nach erholsamer Nacht waren alle wieder frisch am Start!

Teil 3: "Haben die ein Losglück"

Natürlich bekamen wir Weiß an 1, setzten uns aber dennoch an die Bretter: Eine direkte Strategie war sicher schwierig, da man an allen Brettern wertzahlmäßig klarer Außenseiter war. An den ersten beiden Brettern sollte es bei mir und Robert gegen die GM Viesturs Meijers und Thomas Oral möglichst keine Niederlagen geben und bei Guido und Jens gegen Viteslav Priehoda (ersetzte Ralf Schnabel) und Cliff Wichmann irgendwie einen Sieg.

Flash mit mehr als dem üblichen weißen Eröffnungsvorteil
GM Meijers am Spitzenbrett vorne, dahinter von links nach rechts: FM Wichmann, Flash, IM Priehoda (Quelle: Nudel)

Es begann eigentlich auch recht vielversprechend, ich erlangte nach dem meines Erachtens vor allem auf Großmeisterniveau sehr zweifelhaften Eröffnungssystem 1.d4 e6 2.e4 b6 sicher mehr als nur den üblichen minimalen weißen Eröffnungsvorteil. Robert opfert in einer vorbereiten Variante das Läuferpaar für eine kompakte Stellung. Die vermutlich leicht schlechtere Stellung sollte ihm aber liegen, kann man sie doch bequem auf Remis spielen. Guido mit Schwarz zwar auch mit normaler Schwarzstellung, allerdings zum soliden Abwarten gezwungen. Cliff traut es sich gegen Jens nicht zu, die von ihm kritisierte MacCutcheon-Behandlung von Robert gegen Dresden zu verbessern und spielt lieber das Rubinstein-System. Windel erreicht mit wenig Variantenkenntnis aber viel Kreativität eine interessante Stellung, nach nicht gezogenem Qualitätsopfer (wohl zu unklarer Angriffsstellung führend) und einigen weiteren Ungenauigkeiten kam Cliff aber immer besser ins Spiel. Die schwarzen Figuren dominierten nach Damentausch das Geschehen, ein Endspiel mit Mehrbauern sah dann nach mindestens klarem Vorteil aus. In der Schlussstellung sollte Jens aber wieder Ausgleich erzielt haben, doch ein plötzliches Klingeln führte überraschend zu unserer Führung.

Die Früstückslektüre wirkt
Robert gegen GM Oral mit deutlichem Zeitvorteil (Quelle: Nudel)

Einige Zeit später ließ ich mich aber von einer taktischen Idee meines Gegners völlig aus dem Konzept bringen. Objektiv war die Partie längst nicht entscheiden. Psychologisch ging aber irgendwie nichts mehr und ich fand gegen die gegnerische Dame in meinem Lager mehrere schlechte Züge und gab nach der Zeitnot ein verlorenes Endspiel auf. Schade, mit der Vortagsform wäre sicher einiges mehr drin gewesen! Kurz danach verlor auch Guido, der seine defensive Stellung nicht mehr halten konnte und der Wettkampf war zu unseren Ungunsten entschieden. Roberts halber Punkt in einer wohl nie stark von der Remisbreite abweichenden Partie besiegelte das 1,5:2,5.[2]
Ein spannendes Pokalwochenende mit interessanten Partien ging zuende; der Favorit Aue setzte sich durch und steht nun im Viertelfinale gegen die SG 1871 Löberitz.

Flash

Rainer Hillebrand freut sich
Aues ML Hillebrand freut sich über den Sieg und Cliffs "Spende" für die Mannschaftskasse (Quelle: Nudel)

Sprüche

“Ich habe Holländisch-Verbot bekommen. Meine Mannschaftskameraden fühlen sich dadurch immer so unter Druck gesetzt!”

“Schneit es hier morgen?”
“Auf keinen Fall!”
Das Wetter am Sonntagmorgen darf der Leser nun selbst erraten!

Robert, am anderen Ende einer Kaufhalle hin- und herlaufend: “Wo ist die Milch?”
Kassiererin (genervt Grimassen schneidend): “Na hier!”[3]

“Seid ihr Raucher?” “Nein, wir sind keine Auerbacher!”
“Raucher?” “Auerbacher?”
“Auerbacher?” “Nein, wir sind keine Auerbacher!”
Guido überlistet seinen Gesprächspartner geschickt

Windel: “Wir haben an einem SPORTLICHEN Wettkampf in Schneeberg teilgenommen und uns für die nächste Runde qualifiziert, die morgen stattfindet” ... (eine halbe Ewigkeit des allgemeinen Schweigens und wohlwissenden Grinsens von Guido und Flash später):
Mann: “Entschuldige die Frage, aber welche Sportart ist denn euer SPORT”
Guido und Flash fast zeitgleich: “Das hast Du nun davon, Windel”; “Jetzt sieh mal zu, wie du aus der Nummer wieder rauskommst!”
Windel: “SCHACH!”
Gast: “Ah Schach, ich dachte erst Boxen oder Volleyball, aber na ja, so seht ihr ja nun jedenfalls nicht aus!”

“Die Fun-Level sind ja jetzt durch, da wird es nun ernst”

Frau des lernwilligen Schachspielers: “Da hat mein Mann aber Glück gehabt, in seiner schachlichen Phase beim Essen neben Schachspielern zu sitzen!”
(man wird nie erfahren, ob nicht ein Hauch von Zynismus mitspielt...)

“Das mit dem Vegetariersein nehme ich nicht so tierisch ernst”
Robert outet sich!

“Wenn wir an 1 Schwarz haben, ist die Aufstellung klar, wenn nicht, geben wir am besten gleich auf!”

“Also alles klar: Windel an 1 mit Schwarz oder an 4 mit Weiß”
Aufstellungsstrategien im Pokal

Windel: “Ich spiel dann Schwarz mit Weiß!”
Windel hat's verstanden!

“Ich muss mir meine Vorbereitung unbedingt merken: 1.d4 e6 2.e4!”
Der Schreiber sei entschuldigt, da er nur selten mit Ouzo abgefüllt wird...

“Jens hätte immer gewonnen, nur sein Blättchen darf nicht zu früh fallen!”
Cliffs prägnante Partieanalyse zu Windels Handysieg

“Ach, das war gar nicht der Schnabel?”
Windel, auf der Rückfahrt erkennend, dass Aue nicht ganz mit der Vortagsaufstellung antrat!

Anmerkungen der Redaktion:
  1. ^Ich habe mir trotzdem das einzige Dessert gegönnt, das es noch gab.
  2. ^Die größte Abweichung von der Remisbreite gab es meines Erachtens in der Schlussstellung - deutlich zu meinen Gunsten, siehe dazu die Analysen (PDF-Datei, PGN-Datei)
  3. ^So gut wie die Milch bei der Kasse versteckt war, muss sie den Spruch wohl mehrmals täglich aufsagen.

→ Einige Analysen: PDF-Datei, PGN-Datei
Alle Einzelergebnisse der Zwischenrunde
Cliffs Bericht beim Schachverband Sachsen


© 2008, Flash (Autor) und Robert O. (Verleger) auf den Seiten von AE Magdeburg
Last modified: Mon, Feb 04 21:48:45 2008
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